Freie Presse vom 26.07.2017

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Festivals: So wollen Chemnitzer die Toilettenprobleme klären

Vier Meter hoch, 16-eckig, acht Kabinen und Außenurinale – eine Helbersdorfer Firma hat für Musikfans ein stilles Örtchen entwickelt. Die Innovation verbirgt sich im Inneren.

Von Sandra Häfner
erschienen am 26.07.2017

Beim Rockharz-Festival hat das stille Örtchen Major Dry den ersten Härtetest erlebt. Die Veranstaltung besuchten an vier Tagen Anfang Juli rund 30.000 Musikfans. Das Häuschen mit 16 Ecken verfügt über acht Kabinen mit Toiletten für Frauen und Männer sowie über mehrere Außenurinale. Es ist mit Waschbecken, Desinfektionsmittel und einem Bewegungsmelder ausgestattet.

Foto: Peter Schenke/Firma Wassermann Projekt & Controlling GmbH

 

Helbersdorf. Musikfestivals sind Tage der Extreme: viele Menschen, viel Musik, viel Alkohol. Und irgendwann muss jeder mal – auf die Toilette. Für viele Besucher, oft Frauen, kann das ein schwerer Gang werden. In den Toilettenwagen, Containern oder Dixies duftet es nicht unbedingt wie in einer Parfümerie, häufig sind die stillen Örtchen überlastet oder wegen Überfüllung gleich ganz geschlossen.

Das soll sich nun ändern. Die Firma Wassermann Projekt und Controlling mit Sitz in Helbersdorf hat eine Festivaltoilette entwickelt, die es so noch nicht gibt, sagt Geschäftsführer Mirko Vogler. Er spricht von einer Neuheit. Die vier Meter hohe Konstruktion mit 16 Ecken verfügt über acht Toilettenkabinen und mehrere Außenurinale für das schnelle Geschäft. Die Kabinen sind mit Bewegungsmeldern für Licht, einem Waschbecken und einem Desinfektionsmittel ausgestattet. Demnächst soll ein Spiegel hinzukommen, sagt Vogler. Eine Befragung der Nutzer beim ersten Härtetest, dem Rockharz-Festival mit 30.000 Gästen, habe ergeben, dass sich die Besucher vor allem Spiegel in den Kabinen wünschen. Grundsätzlich sei es im Harz gut gelaufen, urteilt der Geschäftsführer: „Die Umfrage hat generell gezeigt, dass die Besucher sehr zufrieden waren.“ Im Harz war die Toilette auch nicht am Rand des Festivalgeländes sondern im Innenbereich bei den großen Bühnen aufgestellt und somit für die Besucher besser erreichbar, berichtet Vogler.

Die eigentliche Neuheit verbirgt sich im Inneren der eckigen Konstruktion. Dort ist der Name der Toilette, Major Dry, Programm: Im Englischen bedeutet Major Dry hauptsächlich trocken. Und eine Trockentrenntoilette sei das Eckhaus, sagt Mirko Vogler. Urin und Fäkalien werden in der Toilette ohne Beigabe chemischer Stoffe und Wasser getrennt. Das spart Platz im Toiletteninneren. Mehr Menschen können die WCs nutzen. Auch weil für das Händewaschen das Wasser dosiert aus dem Hahn fließt. So stehe genügend Volumen für ein mehrtägiges Festival zur Verfügung, versichert Vogler. Das sei in Kunststoffboxen oder anderen Mobiltoiletten nicht der Fall. „Man stelle sich vor, man ist bei einem Festival mit 30.000 Leuten auf der grünen Wiese. Die Mobiltoiletten können während der Veranstaltung nicht geleert werden und sind irgendwann randvoll“, so Vogler. Die damit verbundenen Umstände können Folgen haben – etwa den Verlust von Gästen. Er habe bei der Entwicklung von Major Dry Feldforschung betrieben und herausgefunden, „dass viele Frauen Großveranstaltungen wegen der sanitären Zustände nicht mehr besuchen“.

Major Dry sei für Festivals konzipiert, könne aber auch bei anderen größeren Menschenansammlungen unter freiem Himmel wie einem Stadtfest oder Sportveranstaltungen eingesetzt werden – auch im Winter. „Die Toiletten zu beheizen, ist kein Problem“, sagt Vogler. Seine Firma verfüge über das entsprechende Know-how. Denn das Kerngeschäft des Unternehmens mit 18 Mitarbeitern, das der Geschäftsführer 2013 in Niederdorf bei Stollberg gründete, besteht im Entwickeln und Bauen von Energiekonzepten für abgeschlossene Einheiten wie Einfamilienhäuser und kleinere Gewerbebetriebe. Dazu gehören Solarmodule, Kleinkläranlagen, Wandheizungen, Mini-Windräder und Batteriesysteme. „Dass wir eine solche Festivaltoilette konstruieren, war fast ein logischer Schritt“, so Projektmanager Peter Schenke. Ziel der Firma sei es, einfache, mobile und ressourcenschonende Wasser- und Energiesysteme zu bauen. Das spiegele sich im Produkt Major Dry wieder. „Es ist mobil und einfach zu nutzen, weil es überall im Baukastensystem in verschiedenen Größen aufgebaut werden kann. Es ist ressourcenschonend, weil es wenig Wasser benötigt und demzufolge auch weniger Abwasser entsteht“, sagt Schenke.

Auch an einer Nutzung der Hinterlassenschaften arbeitet die Chemnitzer Firma. Daran beteiligt sei ein Umweltforschungszentrum, so Peter Schenke. Das Verwertungskonzept sei zwar noch lange nicht fertig, aber er könne sich vorstellen, dass Fäkalien und Urin künftig als Bestandteil von Düngemitteln der Landwirtschaft zur Verfügung gestellt werden. Das sei möglich, weil beide Stoffe nicht durch den Zusatz chemischer Mittel, die herkömmlichen mobilen Toiletten beigefügt sind, verunreinigt werden.

Als nächster Schritt wartet die Serienproduktion. Die soll mit Eigenmitteln, einem Kredit sowie Crowd-investing finanziert werden. Das heißt, Interessierte können das Vorhaben mit kleineren Geldsummen über ein Darlehen unterstützen. „Sie erhalten Zinsen und nach Ende des Darlehens ihr Geld zurück“, so Projektmanager Schenke.